Dein Ziel ist die Wahrheit. Doch was, wenn sie dich nie wieder ruhig schlafen lässt?

Schneechaos in Schottland. Auf einem Landsitz wird die Witwe des kürzlich verstorbenen Lord Darney gefunden – ermordet. Bei der Polizei meldet sich eine Frau, die behauptet, ihr Freund Sean habe die Tat begangen. Doch die Ermittler finden bald heraus: Sean Butler ist vor sieben Jahren verschwunden, sein Tod soll demnächst offiziell erklärt werden. Wieso behauptet seine Freundin, er sei der Mörder? Als die Polizei sie zu Hause aufsucht, ist die junge Frau spurlos verschwunden …

 

 

 

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Die Geschichte hinter der Geschichte – Zoë Beck erzählt

 

Natürlich wissen die Schotten, was Schnee ist. Sie haben nur gewöhnlich nicht sehr viel davon in ihren Städten. Winterreifen sind auch keine Pflicht weil häufig nicht nötig. Auf deutliche Minustemperaturen hat man sich ebenso wenig eingestellt.

Im Winter 2010 gab es eine Menge Schnee. Ganz Europa war am Stöhnen, viele Flughäfen waren tagelang geschlossen. Montags war noch mildes Herbstwetter, und als ich am Dienstagmorgen die Fensterläden öffnete, fuhren Menschen auf Langlaufskiern durch meine Straße.

Ich habe wirklich lange in München gelebt. Da gab es auch viel Schnee. Aber es ist nie jemand auf Langlaufskiern an meiner Wohnung vorbeigekurvt.

Die Reaktion der Schotten auf diesen mehrere Tage und Wochen anhaltenden Schneefall war schnell klar: Ausnahmezustand. Innerhalb weniger Stunden wurden Schulen geschlossen, Geschäfte wurden nicht mehr richtig beliefert, Ämter schlossen vorzeitig, damit die Mitarbeiter noch bei Tageslicht und funktionierendem Nahverkehr den Heimweg fanden. Der Flughafen verwandelte sich in einen riesigen Schlafsaal. Manche Leute mussten fünf Tage auf einen Rückflug warten. Der Zugverkehr brach zusammen.

Überhaupt: der Zugverkehr. Normalerweise fahren zwischen Edinburgh und Glasgow alle fünfzehn Minuten Züge mit jeweils sechs Wagons. Kurz nach Einsetzen des Schnees war klar: Wegen der Minustemperaturen fielen so viele Wagons aus, dass nur noch alle halbe Stunde Züge fahren konnten. Also doppeltes Passagieraufkommen. Dann aber fuhren die Züge mit nur drei Wagons statt sechs. Vierfaches Passagieraufkommen. Aufgrund der Wetterlage wurden außerdem Warnungen durchgegeben, die Leute sollten doch bitte ihre Autos stehenlassen und auf den Schienenverkehr ausweichen. Äh, ja. Wir standen also Sardinenbüchsenstyle, und, große Freude, die Fahrt nach Glasgow dauerte doppelt so lange.

Man kann sich denken, wie die Leute drauf waren. Nicht besonders gut. So viele Schlägereien sah ich sonst nur nach Fußballspielen am Wochenende. Schön auch das Bahnpersonal bei dem Versuch, doch noch zwei, drei Passagiere mehr in einen Wagon zu stopfen.

Ich hatte zu dieser Zeit Lesungen in Glasgow. Sie wurden in andere Räume verlegt, weil viele Mitarbeiter schon gegen Mittag wieder nach Hause gegangen waren oder gar nicht erst den Weg zur Arbeit finden konnten. Da die Techniker etc. fehlten, mussten wir uns irgendwie anders helfen. Es klappte alles, aber es war – nun, recht amüsant.

Fellstiefel waren vermutlich innerhalb von zwei Stunden überall ausverkauft. Viele trugen übrigens lustige bunte Gummistiefel, an denen sie Spikes befestigten, um nicht zu rutschen. Vor Geschäften gab es immer lange Schlangen, weil alle erst ihre Spikes entfernen mussten.

Was soll ich sagen? Es war prima. Wenn solche Ausnahmezustände nicht zu lange dauernd, schweißen sie die Leute erstmal zusammen. Alle sind nett und hilfsbereit und nehmen sich Zeit und reden mit fremden Menschen. Wenn es zu lange dauert und beispielsweise Reserven knapp werden, kippt die Stimmung, aber dazu kam es zum Glück nicht. Die Kinder vergnügten sich mit Schneeballschlachten und Schneemannbauen, machten Schneeengel in den Tiefschnee, der ihnen bis zur Hüfte ging, und nach wenigen Tagen machten die Erwachsenen einfach mit. Ein Bekannter – den ich übrigens auf einer dieser sardinenartigen Zugfahrten kennenlernte – schickte bezaubernde Schneefotos aus den Highlands.

Klar, dass so eine außergewöhnliche Situation eine wunderbare Kulisse für eine Geschichte abgibt. 2010 war ein Winter, an den sich jeder erinnert und noch lange erinnern wird. Gerade die Schotten, die so gerne über das Wetter reden. Ich konnte nicht widerstehen, ich musste Cedric Darney einfach in diese Schneewelt schicken. Er wird es mir verzeihen.

(Foto: Thomas Zorbach)

Bibliographische Angaben

Zoë Beck: “Das zerbrochene Fenster” (Bastei Lübbe); Taschenbuch, 366 Seiten

EUR: 8,99 (D)
SFR: 13,50 (CH)
EUR:  EUR: 9,30 (A)

ISBN-10: 3404160460
ISBN-13: 978-3404160464

Ersterscheinung: 20. Juli 2012

 

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